Kritik

Rouspéteusen und Râleure partout!

Die Franzosen nennen es «rouspéter» oder «râler». Wir könnten es «nörgeln und sörgeln» oder «meckern und keckern» heissen. Die Gesamtlage ist auf jeden Fall unerfreulich. Ein paar Beispiele helfen uns weiter, wenn auch nicht in der Sache.

Ihr Zug kommt fünf Minuten später an. Und schon verpassen die ihr Leben oder halten die SBB für eine Bananenunternehmung.

Leser N. sorgt sich um Samenspenden für lesbische Paare. Er ist uretral empört.

Die Leute stehen etwas länger als üblich an der Kaufhaus-Kasse. Schwer lastet auf den Hinteren der Erlebnis- und Zeitverlust.

Die Nachbarin grüsst nachlässig oder gar nicht mehr. Gleich wird beschlossen, sich und sie psychiatrisch abklären zu lassen.

«Sie verdienen es nicht - Sie bekommen es einfach» empört sich Herr N. Wer? Die Krankekassenmogule, die oben absahnen. Aber bitte, das möchten doch alle. Sie tun es. Ist ihr Courant normal.

Auch Frauen wären gegen ihre Männer gewalttätig, schreibt Leser Sch.! Schrecklich, fehlt nur noch, dass die Erde sich rückwärts bewegt.

Frau B. betatscht im Kaufhaus die Zwetschgen. Sie mache, was sie wolle. Das allerdings. Und wir entschliessen uns, Aprikosen zu kaufen.

Das Handy hat Herrn F. für eine halbe Stunde am Chatten gehindert. Sein genereller Lebensentwurf zerfällt gesplittet.

Und so weiter, ad libitum. Es stimmt schon: Wir erregen uns über Ereignis des Alltags, für die der emotionale Aufwand, sie zu bewältigen, in keinem vernünftigen Verhältnis zum oft banalen Anlass steht.

Empörungsarien in Dorf und Stadt, Erbitterungsszenarien in Feld und Wald. Gelassenheit und ironische Distanz: Kannst du vergessen.

Ja, ich hab’s gemerkt. Dieser Text gehört ins gleiche Entrüstungskabinett. Ich bitte um Vergebung.


Kommentare (1)

Gusti Heim am 09.09.2019 10:13

Da lob ich mir trotz allem das französische «Laisser-faire».

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