Kritik

Jugendfest 2026 Brugg:
Schlammschleuder gegen eine
Poetry-Slammerin

Das Fest der Feste in Brugg ist schon wieder Geschichte. Und wie jedes Jahr sorgen die Jugendfestreden für mehr oder weniger freundliche Debatten. 2026 war ein guter Jahrgang. Dafür hat die Poetry-Slammerin Johanna Ruoff gesorgt. Trotzdem hat sich ein Leserbriefschreiber berufen gefühlt, in wenig erlesener Weise den konservativen Moralfritzli zu spielen.

Leserbrief von Herrn Beat Holliger

Brugger Jugendfestrede Als relativ «alter Brugger» habe ich schon diverse Jugendfestansprachen gehört. Manchmal fand ich diese gut, manchmal etwas weniger gut. Was da aber nun dieses Jahr auf dem altehrwürdigen Festplatz im Freudenstein vorgetragen wurde, kann man nun ohne die geringste Übertreibung als absolut einmalig bezeichnen. Da ruft doch tatsächlich eine junge Dame ohne den kleinsten relevanten Leistungsausweis die Jugend faktisch zum Ungehorsam gegen die ältere Generation auf. Sie will das Jugendfest «entstauben», es wird in den Raum gestellt, ob zum Beispiel das Lied «Grosser Gott, wir loben dich» noch zeitgemäss sei. Frühere Reden seien für die Jugend lediglich langweilig gewesen usw., hinzu kommen unqualifizierte politische Äusserungen. Die gesamte Darbietung war eine respektlose Tirade gegen Generationen von «ehemaligen Jugendlichen» und gegen frühere Redner. Um es klar zu sagen, diese Darbietung war eine einzige Nestbeschmutzung. Aber es kommt noch schlimmer, viel schlimmer. Die anwesenden Jugendlichen, Eltern und Gäste haben am Ende dieses Trauerspiels der Dame auch noch frenetischen Applaus gespendet. Das sagt alles aus über den Zustand unserer Gesellschaft. Freuen wir uns auf das nächste Jugendfest? Das es vielleicht ja nicht mehr gibt, wenn wir nur kräftig genug «entstauben», ganz im Sinne der Rednerin. BEAT HOLLIGER, BRUGG



Eine Replik: «Na, na, Herr Holliger»

Vorab eine Bitte: Wahren wir die Proportionen. Wir reden hier von einer zeit- und an die Gelegenheit gebundenen Jugendfestrede und nicht von einer «State of the Union Address».

Doch kommen wir gleich zu Potte: Herr Holliger schreibt: «Als relativ alter Brugger habe ich schon diverse Jugendfestansprachen gehört. Manchmal fand ich diese gut, manchmal etwas weniger gut.» Nun, ganz unrecht hat er hier noch nicht. Da wurde in der Tat elektrisierender Starkstrom, aber leider auch schon mal gähnomenaler Schwachstrom produziert. Jetzt aber keine Namen bitte.

Der Skribent fährt dann verwegen und leicht angesäuert fort: «Was aber nun dieses Jahr auf dem altehrwürdigen Festplatz im Freudenstein vorgetragen wurde, kann man nun ohne die geringste Übertreibung als absolut einmalig bezeichnen.» Da hat der Verfasser unfreiwillig recht. Die Rede von Frau Johanna Ruoff war einmalig. Eine zweite wird’s nicht geben. Und sie war einzigartig, lebhaft, selbstkritisch und bisweilen auch frech. Genau das, was Brugg ab und zu braucht, was aber Herrn Holliger schlaucht.

Eine Philippika?
Denn er fährt empört fort: «Da ruft doch tatsächlich eine junge Dame ohne den kleinsten relevanten Leistungsausweis die Jugend faktisch zum Ungehorsam gegen die ältere Generation auf. Sie will das Jugendfest «entstauben». Stimmt das so? Nein, tut es nicht.

Denn erstens, seit wann sind ein Mittelschulabschluss und ein Studium kein Leistungsbeweis mehr? Ist das jetzt Intellektuellen-Bashing? Und zweitens: Hat Frau Ruoff tatsächlich zur Insubordination gegen die ältere Generation aufgefordert? Das lässt sich anhand des Redemanuskript nicht bestätigen. Das Wort «Ungehorsam» findet sich da nicht. Da steht nur: «Nur mit vielen Ideen können wir das das Fest entstauben. (…) Liebe Kinder und Jugendliche, seid laut, seid stolz und nehmt den Platz ein, der euch gehört.» Was soll man dagegen haben?

Gut, das mit dem Entstauben, liesse sich noch debattieren. Ich kenne viele Bruggerinnen und Brugger, die alles andere als verstaubt sind. Ab und zu mal taub für neue Töne, das schon. Aber wo ist das nicht so?

Vor allem aber würde ich auch auf eine wirklich erwachsene ältere Generation zählen und von der jüngeren erwarten, dass sie ihre Meinung reflektiert und nicht nur laut verbreitet.

Das galt ja damals schon für uns. Es gehörte damals 1968 und passt auch heute zum «bon ton», dass die Jugend hin und wieder hoffentlich gewaltlos aufbegehrt. Wer das verpasst, riskiert ein Langweiler und spiessiger Nörgler zu werden.

Entstauben?
Also zurück zu Herrn Holliger. Er wirft also in der Folge der Rednerin forsch vor, sie wolle das Jugendfest «entstauben». Sie ziele da zum Beispiel auf das Lied «Grosser Gott, wir loben dich». Es sei «aus dem Programm zu kicken». Nach über hundert Jahren wäre es einfach nicht mehr im Trend. Nun gut, so hätte ich das nicht formuliert. Und ich denke aber unverblümt an Nietzsche oder an die Agnostiker.

Die wissen es profunder als ich. Das mit Gott ist so eine Sache; und ihn zu loben, finden sie primär eine fragwürdige Privatangelegenheit. Ich würde das Lied auch aus Zeitgründen schlicht weglassen, dann aber keinesfalls die angeblich «unqualifizierten politischen Äusserungen» von Frau Ruoff. Die enthielten nämlich durchaus ein paar Wahrheitsansätze.

Aber auch da lässt uns Herr Holliger inhaltlich im Trüben. Er wird sogar richtig unduldsam und unverhältnismässig streng: Die gesamte Darbietung sei eine respektlose Tirade gegen Generationen von «ehemaligen Jugendlichen» und gegen frühere Redner gewesen.

Ja, ums Himmels Willen. Was erwartet er von einer Rede? Ein zahnloses Gemümmel? Ein ironiefreies Referat? Ein fades Pamphlet? Eine Vorlesung über Regenwürmer? Versli us em bluemige Trögli, Te Deum auf die Classe politique oder eben weit eher ein paar Aufmunterungen für die Hauptpersonen des Rutenzuges, namentlich für die Jugend? Aber bitte, genau die hat ja Johanna Ruoff auf ihre unkonventionelle Art angeboten.

Nestbeschmutzung?
Er aber redet von «Nestbeschmutzung», bleibt aber jeden konkreten Beleg schuldig. Wer wurde beschmutzt? Womit? Mit ein paar Versen? Oder mit seinen freien Erfindungen?

Damit aber noch nicht genug. Jetzt legt der Aufgebrachte erst richtig los und schreibt: «Aber es kommt noch schlimmer, viel schlimmer. Die anwesenden Jugendlichen, Eltern und Gäste haben am Ende dieses Trauerspiels der Dame (sic!) auch noch frenetischen Applaus gespendet. Das sagt alles aus über den Zustand unserer Gesellschaft.»

Ja, aber auch über die Unduldsamkeit ihrer Kritiker, die ums Verwürgen sich nicht über den Erfolg anderer mitfreuen wollen und auf beleidigte Leberwurst machen. Ja gut, zur Befindlichkeit der Massen (WM 26, Stadtfest Brugg 2026) habe nicht nur ich so meine Vorbehalte, gönne ihnen aber die Freude am Festen und Feiern. Ich muss ja nicht unbedingt dabei sein.

Aber ich hätte vom Leserbriefschreiber trotzdem und gerne noch ein paar schmucke vetiefende Adjektive erwartet. Zum Beispiel zur Frage: Ist die Gesellschaft marode, oberflächlich, leichtgläubig, verführbar und ab und zu einfach nur dämlich? Oder einfach, wie sie nun mal ist, voller Vorurteile und Unlogik.

Fazit
Frau Johanna Ruoff hat eine persönliche und humorvolle Ausdrucksform im Gestaltungsrahmen der Slam-Poetry gefunden und diese in eine Rede eingebaut, der es nicht an Anregungen für ein paar Metamorphosen rund ums Jugendfest fehlte.

Dass sie in einer nuova festa della gioventù Eingang fänden, wäre zu wünschen, auch wenn ich im Moment nicht weiss, wie das aussehen wird. Waldfest ist immer gut, im Wald und auf dem Teller. Und bitte nicht vergessen: Traditionen haben die leidige Eigenschaft, dass sie verstauben, oder weit unangenehmer noch, dass sie erstarren.


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