Satiren
Die Wäffligers und der ESC

Alphons blättert in der NZZ und liest eine Kritik über das Bachfest Schaffhausen. Paula kommt aus der Küche.
Paula: Gibst du mir nachher die Zeitung? Ich will was nachlesen.
Alphons: Ja sicher. Ich bin gerade an einer Kritik über das Bachfest Schaffhausen.
Sie: Und? Zufrieden?
Er: Es geht. Die schreiben von einem phänomenalen Auftritt einer Schwedin mit ihrer Jazz-Formation.
Sie: Am Bachfest?
Er: Nein parallel: Sechs Tage Jazzfestival, fünf Tage Bachfest, schön ausgewogen.
Sie: Das wäre doch auch mal was für uns hier.
Er: Du meinst statt Stadtfest und Horrorfilme?
Sie: Ist das nicht dasselbe?
Er: Ja, kann schon sein.
Sie: Oder nimm den ESC.
Er: Den was?
Sie: Den ESC. Den Europeen Song Contest.
Er: Ach so, der. Nein. Sowas tue ich mir nicht an.
Sie: Meinst du etwa ich? Da genügen schon die Bilder.
Er: Ja, sag jetzt bitte nicht wie die Böckelmeier, die wären «traumhaft» gewesen.
Sie: Hast du noch alle Nadeln an der Tanne? Da passt doch eher das Wort Alptraum.
Er: Mit Musik von der Schrotthalde?
Sie: Hast du Musik gesagt? Dieses billige Zeug?
Er: Du meinst aus den Sphären des Ordinären?
Sie: Musst du immer reimen?
Er: Nein, aber der ESC erinnert mich an Rocco-Ravioli aus der Büchse.
Sie: Die haben wir aber geliebt. Im Gegensatz zu dem Gedröhne aus Wien.
Er: Wien? Warum Wien?
Sie: Da hat der ESC seinen Lauf gehabt.
Er: Ah ja, stimmt. Die Strauss-Familie wird in ihren Gräbern rotiert haben.
Sie: Und Mozart erst.
Er: Der wurde an Salieri erinnert.
Sie: Wohl kaum. Gegen die ESC-Musikbastler ist Salieri ein genialer Grossmeister.
Er: Mag sein. Unser Orlando hat's übrigens gestern auf den Punkt gebracht. Das Wort beginnt mit Sch... .
Sie: Meinte er Schmocks und Scharlatane?
Er: Ja, die auch. Er meinte aber auch diese Politshow an sich.
Sie: Sehr peinlich, das Ganze.
Er: Kunst und Politik, eine Mesalliance.
Sie: Eine was?
Er: Mesalliance, eine Missheirat.
Sie: Aha. Und an wen erinnert dich das?
Er: An Sokrates und Xanthippe.

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Kommentare (2)
ESC? Ist das nicht eine Abkürzung für «escape», also flüchten, fliehen oder entkommen? Also eine denkbare Reaktion auf diesen Rummel um drittklassige Unterhaltung.
Gut gewäffelt, lieber Valentin. Ich habe zwar in die Schweizer Session auch rein-geschaut – meine masochistische Ader halt – habe aber das Blitzlichtgewitter und das Donnergrollen (statt Muskelzerrung fiel mir so etwas ähnliches wie Musikzerrung) mit Zero Points emotionslos überstanden. Würde nun dafür plädieren, diesen musischen Anti-Anlass künftig als Wettbewerb der Veranstaltungstechniker zu bezeichnen. Die SängerInnen – oder soll man sagen SchreihälseInnen sind ja irgendwie nur noch Dekoration. Ach, waren das noch Zeiten, als eine Céline Dion das Stadion zum Beben brachte und nicht die Megawattindustrie. Frage: Ist wäffeln eigentlich ansteckend? Und das noch: Es gibt ja immer noch richtige Musik, man muss sie nur ausserhalb der irdischen Konkurrenz, also der ausserirdischen suchen.