Kritik

Mit Eos mal einen Tag ohne Kritik erleben

Heute etwas Mythologie mit ihren leidvollen historischen Bezügen und Repetitionen, welche nicht selten eine generelle Kritik geradezu herausfordern.

Bild: Jean-Honoré Fragonard: Göttin Aurora triumphiert über die Nacht

Eos, die Morgenfingrige, gr. Göttin der Morgenröte (röm. Aurora), kaum hat sie sich die Augen gerieben, in die Wangen gezwickt, damit sie auch schön rosa leuchten, fragt sich jeden neuen Tag, was der wohl bringen wird, das später dann nicht kritisiert werden müsste.

Und dann in der Nacht reflektiert die mildleuchtende Selene, die griechische Mond-göttin (röm. Luna), Tochter von Hyperion und Gaya (Urmutter Erde), sowie Schwester von Eos und Helios, in ihrem von Pferden gezogenen Wagen auf ihrer Bahn über den Nachthimmel kritisch den vergangenen Tag.

Ob beide Göttinen überhaupt gerne kritisieren, ist nirgends beschrieben. Aber man könnte sich vorstellen, dass sie über jeden Tag und jede Nacht glücklich sind, an denen diese Erdlinge sich nicht wieder gegenseitig betrügen, belügen, verführen oder gleich massakrieren.

Denn sie hatten von den Unbelehrbaren viel Trostloses gesehen. Troya, Roms Feld-züge, die Hunnen, die Inquisition, den 100- und den 30-jährigen Krieg, sowie die beiden Weltkriege und gegen- und widerwärtig Donald den Verwirrten und Wladi den Schrecklichen.

Als reichte der nicht aus, jetzt eben auch die Russen wieder und das fundamental islamistige Verbrecher-Syndikat der Mullahs. Die lachen doch Kant mit seinem philosophischem Entwurf «Zum ewigen Frieden» höhnisch ins Gesicht.

Weder reine noch praktische Vernunft scheint sie gross zu kümmern. Gut, das ist allgemein verbreitet. Romane wie de Laclos' «Liaisons dangereuses», Goethes «Leiden des jungen Werther» oder die Bücher Kafkas wären wahrscheinlich nie so geschrieben worden, wenn die Dramatis Personae rational gehandelt hätten.

Aber eben, was machen wir, wenn die Gefühle dominieren und Selbstkritik nur in homöopathischer Dosierung vorhanden ist, wie wir das von den megalomanen Schmieren-Komödianten und Mordbuben in West und Ost täglich erkennen müssen?

So hoffen wir wie Eos und Selene, einmal einen Tag und eine Nacht erleben zu dürfen, wo wir das Kritik-Besteck nicht aus dem Sortiments-Kästchen nehmen müssen. Zudem: Kritik nur um der Kritik willen erinnert an l'art pour l'art. 


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