Kritik

Kritik des reinen Fluchens

Kant hat eine «Kritik der reinen Vernunft» geschrieben. Hier nun eben eine solche des reinen, des gepflegten Fluchens.

Wann haben Sie zum letzten Mal so richtig gottserdenmässig geflucht, dass Ihr Goldfisch entsetzt aus dem Glas sprang, sämtliche Leserbriefschreiber ihr Geraffel eingestellt hatten, Ihr Smartphone den Geist aufgab, und selbst der Gottseibeiuns errötet wäre, wenn er nicht schon ein rotes Gesicht hätte?

Niemals? Sie haben nie Wörter verwendet, die mit Gopfer … beginnen und mit Tammi, Telli oder Toori enden? Beneidenswert. Ja gut, Sie wussten halt schon als Kind, dass man den Namen des Herrn nicht lästern darf, und Sie vom Pfarrer, Lehrer und Ihren Eltern streng ermahnt worden waren, es bleiben zu lassen.

Taten Sie es trotzdem - niemand ist perfekt - fassten Sie, damals noch pädagogische Usanz, eine Watsche; oder Sie mussten ohne Znacht ins Bett, wo Sie dann der knurrende Magen veranlasste, leise weiterzufluchen.

Bedauerlich, aber wie sieht das jetzt moraltheologisch aus? Was meint die Bibel? Hier im Luther-Original (Ex 20,2–17):

DV SOLT DEN NAMEN DES HERRN DEINES GOTTES NICHT MISBRAUCHEN / DENN DER HERR WIRD DEN NICHT VNGESTRAFFT LASSEN / DER SEINEN NAMEN MISBRAUCHT.

Logisch abgeleitet denke ich, man darf fluchen, aber bitte gepflegt. Weglassen sollen wir nur den lieben Gott, wenn uns heiliger Zorn übermannt, weil der Nachbar um Mitternacht den Rasen mäht, Alkoholiker und Drogendealer unsere Plätze verunstalten, ein chronischer Leserbriefschreiber zum xten Mal den Schluss der Schuldenwirtschaft und Kuscheljustiz fordert oder ein Poser mit einer Drei-Buchstaben-Auto-Marke fünf Mal das Quartier umdonnert, und die Vögel reihenweise von den Bäumen fallen.

Sie verstehen aber sicher, wie glücklich befreit man sich fühlen kann, wenn ein «Sternesiech», ein «Elendi Sauerei» oder ein herzhaftes «Sapristi» die leidende Seele entlastet. Erstaunt war ich dann allerdings, als die Recherche nach weiteren theologisch sauberen Flüchen wenig Substantielles erbrachte. «Himmel Arsch und Bluemechööl» ging gerade noch so durch die enge Pforte.

Eher fündig würden Sie aber, wenn Sie nach Schimpfwörtern (Pejorativa oder Schlötterlige) suchten. Müssen Sie jetzt aber nicht, denn ich offeriere Ihnen eine kleine Auswahl meiner Lieblinge in Mundart: Armlüüchter, Chuecheblech, Dampfplauderi (siehe Grosse und Einwohner-Räte), Ekelzwätschge, Lachnummere, Valiumat für Langweiler, Churzschluss-Elektriker und Youtubeli.

Und nun würde ich gerne wissen, welche bevorzugen Sie? Oder haben Sie andere? Letzte Frage: Wie hat wohl unser Immanuel Kant über die ewigen Friedensstörer geflucht?


 

Kommentare (1)

Ernst Bannwart am 17.10.2025 19:29

Hueresiech, jetzt hätte ich fast eine Replik verpasst. Kommt davon, wenn man altershalber vorwiegend in den Ferien ist. Kann aber nur beipflichten, dass Fluchen dampfablassend wirkt, weshalb ich letztlich auch so entspannt autofahre, angesichts der hirnverbrannten blinkerlosen Linksabbieger und Rechtsüberholer. Aber eigentlich wollte ich etwas anderes sagen: zu meiner Luzerner Kindeszeit durfte ich weder "rüüdig" noch "cheib" sagen, was heute zusammen mit "huere" zur Zentralschweizer DNA gehört. So ändert sich offenbar mit der Zeit auch der Fluchpegel.

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