Kritik

10 fragwürdige Sprüche

Man äussert sie, ohne lang und tief nachgedacht zu haben. Dabei lassen sie sich dutzendweise widerlegen. Hier tun wir es.

Geiz ist geil. Mag sein. Aber Geiz ist nur Geiz. Und was ist am Geiz der geile Reiz? Und wer wirklich geil ist, geizt in der Regel nicht mit seinen Gaben, sondern ist spendabel mit ihnen, überfordert sich aber dann halt manchmal.


Kein Preis ohne Fleiss.
Doch eher: Kein Fleiss ohne Preis, wenn ich an die Bemühungen der Bücherschreibergilde und an die Punktevergabe an Kochsendungen mit Küchengutscheinen denke. Angemessener wäre da und dort nicht selten: «Einen Preis für jeden Scheiss.»


Da kann ja jeder kommen.
Aber in der Regel kommt da keiner, und wenn doch, dann sagt man ihm: «Was willst du hier? Da kann ja jeder kommen.»


Morgen ist auch noch ein Tag.
Ja gut, datumbezogen stimmt das. Aber sicher ist das nicht, denk ich an Hiroshima mon amour.


Alles wird gut.
Alles? Mit banalen Sprüchen allein wird da gar nichts gut.


Aller Anfang ist schwierig.
Schwierig ist nicht der Anfang. Leicht und leichtsinnig fällt es in der Regel, einfach mal loszulegen. Beim Marathon sind es scheint’s die Kilometer in der Mitte, die schmerzen.


Der Weg ist das Ziel.
Das soll K'ung-fu-tzö, also Lehrmeister Kong, gesagt haben. Ich sage hingegen: Der Weg ist der Weg, und das Ziel ist das Ziel. Wenn wir von A aus B erreichen wollen, dann hilft es uns wenig, wenn ich über den Weg als Ziel nachsinne und dabei B nicht erreiche, wo mich C erwartet. Das französiche «C’est le chemin qui compte, pas le but» ist falsch. Beides zählt: Ohne Weg kein Ziel. Ohne Ziel kein Weg. Es sei denn, man irrlichtert ein wenig wie Goethe im Walde so vor sich hin, und nichts zu suchen, das ist mein Sinn.


Die Ausnahme bestätigt die Regel.
Nein, die Ausnahme desavouiert die Regel oder konstituiert eine neue. Beispiel: Polizist stoppt Autofahrer und will die Papier sehen. Autofahrer hat sie nicht dabei. Zwei Möglichkeiten: Busse oder: «Machen wir mal eine Ausnahme, fahren Sie weiter.» Neue Regel: Es geht auch ohne Prinzipien.


Stillstand ist Rückschritt.
Das ist eine Frage der Sichtweise. Wenn sich die Dinge ohne mich weiterentwickeln, dann bleibe ich in der Tat alleingelassen zurück. Na und? Vielleicht donnert der Stürmi dafür dann in den nächsten Betongartenzaun.


Kein Mensch muss müssen.
Doch, fast jeden Tag, und zwar dort, wo wir uns in Abgeschiedenheit und mit Würde hinsetzen können. Wir sind doch keine Nation von Hosenscheissern.


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