Kritik
Politik: Seilziehen ohne Sieger?

Einst hatte am 23. Februar 1985 das damals noch existierende Brugger Tagblatt Grossrats-Kandidaten gebeten, sich zu grundlegenden Fragen der Politik zu äussern. 40 Jahre später scheint da Einiges, wenn auch nicht alles, immer noch zu stimmen.
Politik wird hin und wieder zurecht mit einem Seilziehen verglichen: An verschiede-nen Strickenden versuchen die Parteien, den Mittelpunkt des Seilsterns auf ihre Seite zu ziehen. Je mehr Leute ihnen dabei helfen, desto grösser sind die Erfolgs-aussichten für eine Gruppe.
Allerdings besteht ein wichtiger Unterschied zur entsprechenden Sportart: Es darf keine Sieger geben, sondern nur Teilerfolge. Ein Sieg würde unweigerlich die Niederlage und somit das Ausscheiden einer Gegenpartei mit sich bringen. Genau daran kann aber niemand ernsthaft interessiert sein.
Parteien vertreten bekanntlich Anliegen und Ansprüche von Bevölkerungsteilen. Es ist daher niemandem gedient, wenn diese nicht mehr am politischen Kräftespiel teilhaben, es sei denn, sie verletzten die Spielregeln.
Im Klartext: Die Parteien sind aufeinander angewiesen. Sie müssen sich nämlich gegenseitig an allzu grosser Machtentfaltung hindern. Dabei sollten sie darauf achten, dass nicht beide zu sehr auf ihre Seite ziehen, da sonst das Seil reisst und ein Unfall als Folge zu beklagen ist.
Ziehen die Parteien allerdings allzu schwächlich an den Stricken, dann ist das Publikum unzufrieden und glänzt in der Folge durch Abwesenheit. Natürlich herrscht auch wenig Freude auf dem Wettkampfplatz, wenn eine Kampfpartei ankündigt, das Seil loszulassen und so ihre realen Chancen preisgibt.
Erfolg kann hier nur haben, Wer sich auf allen Plätzen auskennt und an den Ausmarchungen teilnimmt. Umgekehrt geht es auch nicht darum, eine Gruppe vom grossen Seilziehen fernzuhalten, sondern vielmehr um die Absicht, möglichst viele dafür zu gewinnen.
Politik ist heute notwendiger denn je. Im Grunde genommen könnte sich niemand mehr leisten, das Seil gar nicht erst anzufassen. Und in gewissen Fragen sind wir ja schon so weit, dass wir uns ernsthaft überlegen müssen, ob wir uns ein Seilziehen überhaupt noch erlauben können.
Ich denke etwa an Energie- und Umweltprobleme. Wir werden vermutlich noch lernen müssen, dass Seilziehen nur eine von den scheinbar notwendigen Formen der politischen Auseinandersetzung ist. Die andere wäre dann jene des Ziehens am selben Strick am gleichen Ende. Eine Rarität, indeed!
Israel darf dabei sein.
Ja, wo denn? Am (Zitat) «grössten und bedeutendsten Kulturereignis», nämlich am ESC, dem Eurovision Song Contest. Kulturereignis? Tatsächlich? Dieses Tingeltangel billiger Drei-Akkorde-Schlager und sinn-fernen und billigen Herum-gehopses in Hosen und Röckchen? Früher hat man sowas auch Schmiere oder Klamauk genannt.
Lösungsvorschlag: Der Letzte löscht das Licht, Türe zu und Schluss damit.
Eine Spur durchs Leben
Einfache Erkenntnis. Immer dort, wo eine grössere Menge Leute etwas mega fanden, bin ich nie dabei gewesen und werde es vermutlich auch nie sein. Freunde nennen das auch Qualitätsbewusstsein mit leicht elitärer Tendenz. Ja, dann halt.

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Kommentare (1)
Lieber Herr Trentin
Ausnahmsweise regt sich da in mir etwas Kritik. Ich finden den Seilziehvergleich nicht überzeugend. Das mag ja 1985 noch einigermassen gestimmt haben, ich meine das mit dem Gleichgewicht der Kräfte. Aber heute, 40 Jahre später? Da herrscht nicht selten «die Welt als Wille und Vorstellung», den Gegner über den Tisch zu ziehen; und das bitte wenn immer möglich in öffentlichen oder medialen Debatten, wo es gehäuft nicht um die Sache geht, sondern um Antworten auf die Frage, wer dialektisch geglänzt hat. Politik mit Preisgewinn, wie in SF SRFs «Mini Chuchi, dini Chuchi.»