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Kommentar 2
Ein Joubert-Zitat

Joseph Joubert hat im Verborgenen gelebt, geschrieben und ist auch so 1824 gestorben. Produzierte also keine Kaffeehausliteratur, kein Sofa-Salongeplausche oder Kolumnen für das Ephemere. Und würde uns heute wohl auch nicht mit Dauergezwitscher und mit einer Orgelorgie auf der Social-Media-Klaviatur beelenden. Hier ein kurzer Kommentar zu einem Zitat.

Von ihm habe ich in einem Aphorismenband das folgende selbstkritische Zitat mit einem Inhalt gefunden, der mich immer aufs Neue heimsucht:

«Die eine Hälfte meines Ichs macht sich lustig über die andere.»

Schön wär's ja, wenn man sich nicht allzu ernst nähme. Versuchen sollte man es.

Nennen wir es doch so, wie es die Franzosen anstreben: Eine bewusste «Désinvolture» leben und vormachen, will heissen, die Fähigkeit zu entwickeln, die Dinge federleicht ungezwungen, lässig, locker und ungeniert zu betrachten und dennoch seriös zu bewerten. Eben das zu tun, was uns Joubert empfiehlt. Sich selbstironisch partiell nicht allzu ernst zu nehmen.

Das ist schwierig, denn was tun wir in der Regel? Das boshafte Gegenteil. Nur zu gerne machen wir uns lustig über Andere. Über einen dauerpolternden, fluchbegabten Einwohnerrat. Über eine Grüne, die nur Rasenflächen und bei Beton rot sieht. Über einen Grossrat, der sich als Kohlhaas vom Bundesgericht feiern lässt; oder wir kichern über jene Damen, die in der Quotenregelung die Apotheose ihre feministischen Daseins und Wirkens sehen möchten.

Allerdings nicht mehr gar so lustig finden wir - sagen wir doch mal bloss zum Exempel - einen Gemeinderat, der sorgsam darauf achtet, immer sich sachte durch die Mitte zu schlängeln, nie anzuecken und je nach Lage Meinungen zu äussern, die ihn weder verpflichten noch haftbar machen.

Demnach ein Mann ohne Kanten und Griffe. Ein Mann, der viel plaudert, gerne redet und wenig sagt. Ein Mann, von dem man nach einem Votum nie weiss, ob er Unsinn verzapft, das tatsächlich glaubt, was er da abgesondert hat, und wo er eigentlich steht.

Also ein Mann, der  «Adornos Jargon der Eigentlichkeit» so wundersam konjunktiv pflegt, aber weit eher noch den Jargon der Sozialarbeiterschaft meisterhaft unverbindlich beherrscht. Ein Mann, der öffentlich lobt aber heimlich tobt. Also im Grunde genommen kein Mann, gradlinig und standhaft, sondern ein Intrigant der Gutmenschenklasse.

Und den soll es tatsächlich geben? Nein, wo denken sie hin? Doch nicht bei uns. Das war nur ein Versuch herauszufiltern, wie es wäre, wenn meine eine Hälfte des Ichs die andere als konturlos und intrigant schelten müsste.


Kommentare (1)

Valentin Trentin am 16.03.2020 08:40

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