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Etwas Neues wagen?

Nach 77 Jahren Dasein, Gesellschaftsleben, Politik, Schreibdrang und Formulierzwang, Website- und Glossenverfassen reift die Erkenntnis von Blaise Pascal allmählich auch in mir: «Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne savoir pas demeurer en repos dans une chambre.»

Nun gut, ein Unglück war's ja nicht, nach aussen ein bisschen wirken zu können. Aber summa summarum und à la longue müsste man eigentlich nach den schalen Echos, dem beharrlichen Ausbleiben von Kommentaren, nach diesem Mangel an griffigen Repliken und der offenbar generellen Scheu vor Dialektik den Krempel hinwerfen und oblomowscher Lethargie verfallen, um sich jetzt resigniert und unauffällig aus dem Sendestudio zu verabschieden: «Das war's Leute. Bachwerke-Verzeichnis 82. Macht alleine weiter!»

Und wie bestellt entdeckt man dann auch Meister Eckhard wieder: «Je mehr die Seele über irdische Dinge erhaben ist, desto mehr Kraft hat sie.» Klingt aber schon sehr abgehoben und weltfremd im irrlichternden Zeitalter von TikToks Bildli-Wortschieberei und McDonald's Rapido-Frass. Hilfreich bleibt das Zitat aber gleichwohl.

Ja und dann meinte der Herr Magister von Hochheim auch noch, dass es Zeit sei, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen. Tja, das hat mich berührt und zu einem vorläufigen Entschluss gedrängt.

Warum nämlich die Festtage jetzt mal etwas ernsthafter als sonst als stille Testtage zu sehen? Und das mit der konkreten Absicht verbinden, vom 22. Dezember 2025 bis zum 10. Januar 2026 still zu sitzen, und nicht mehr zu glauben, man müsse «in Lebensfluthen, am Thatensturm teilhaben und am sausenden Webstuhl der Zeit, der Gottheit lebendiges Kleid wirken.» Hat doch schon auch etwas Megalomanisches und erinnert an Orange-Head, den sprunghaften Egomanen aus den Verunreinigten Staaten.

Und wie zum Trotz naht allmählich «auf leichten Kähnen» auch der Gedanke, wirklich etwas Anderes zu beginnen. Selbst wenn dieses Neue bedeutete, alles etwas ruhiger und gelassener anzugehen und z. B. diese Website stillzulegen.

Immerhin habe ich über die sogenannten Festtage die Ruhe und die Musse, über Blaise Pascals Aphorismus nachzudenken, den auch der Maler Edward Hopper in seine Bilder gegossen zu haben scheint. Man wird ja wohl nicht vereinsamen, wenn man sich dem vielen Lärmen um Nichts entzieht. Vielleicht im Gegenteil.

Jetzt mal sehen, was aus der Ruhe im Zimmer werden kann. Bis später wieder, oder auch nicht. Damit ich's nicht vergesse: Nehmt die Festtage als das, was sie sind. Eine schöne Illusion. Wenig Ramsch und viel Substantielles für 2026 wünsche ich auf jeden Fall.


Kommentare (4)

Heinrich Kümmerle am 25.12.2025 09:28

Wäre sehr schade, wenn ich meine Blogroll um einen weiteren Eintrag kürzen müsste.

Peter Haudenschild am 24.12.2025 15:07

Lieber Valentin
Bleib doch noch etwas auf dieser Seite bzw. Site. Du würdest mir hier fehlen, so ohne nichts. Ich freue mich, von dir im Jahre 2026 wieder etwas zum Lesen, Schmunzeln und Nachdenken von dir zu haben. Gerne gebe ich dir hin und wieder eine Rückmeldung. Gesegnete Festtage und alles Gute! Liebe Grüsse, Pesche

Ueli Keller am 22.12.2025 14:19

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Welt nur noch eine Baustelle ist: und dies nicht nur da und dort, wo es konkret um das Bauen geht. Und manchmal frage ich mich, wie lange es wohl noch gehen mag, bis nichts mehr geht und mehr oder weniger - und dies nicht nur an Weihnachten - alles still steht? Leben in einem Zwischenraum: von Altem, das nicht mehr geht, zu Neuem, das noch nicht steht. Alle warten: aber worauf? Eigentlich ist jetzt für Dich der Moment, um das wahrhaftig und wirklich Neue zu tun! Aber Du zögerst und denkst: vielleicht morgen?

Heinz Bösch am 22.12.2025 13:30

In Deiner Rück- und Vorauschau, wie immer sprachvirtuos verfasst, schwingt die Stimmung von Rückerts Gedicht mit (der Titel hier als Frage umformuliert): «Bin ich der Welt abhanden gekommen?» Unverkennbar die leichte Enttäuschung, trotz Sprach- und Debattierlust plus gelegentlich saftiger Provokation in den Nebel hinein zu rufen und wenig Echo zu empfangen. Das kratzt an der Motivation. Muss mich selber bei der Nase nehmen: Lese Deine Gedanken, Deine Denk- und Wortspiele mit Genuss und Bereicherung, schmunzle oder schüttle den Kopf, finde aber meist nicht die Ruhe, mich hinzusetzen, zu replizieren oder Deine Gedanken weiterzuspinnen. Das Leben wuselt, die Informationen prasseln, und schon ist wieder morgen. Selbst im Ruhemodus surrt das Handy. Da sind Überflutung und Überforderung im Spiel – auch auf der Leser-Seite. Wünsche Dir einen erkenntnisbringenden Rückzug ins pascal’sche Zimmer. Übrigens: Bachwerkverzeichnis 82 ist auch schön anzuhören, wenn man sich die Botschaft des Sängers nicht zur eigenen macht.
Mit besten Weihnachtswünschen und mit Schuberts Winterreise-Ratschlag: «Will dich im Traum nicht stören, wär' schad' um deine Ruh.»

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