Satiren
Wäffligers und die (Tele-)Polyphonie

Alphons sitzt in seinem Privatfauteuil, hat Kopfhörer aufgesetzt und dirigiert weit ausholend offenbar ein Konzert. Paula schaut ihm lächelnd zu. Er hat sie nicht bemerkt. Dann aber tritt sie vor ihn hin.
Paula: Alphons.
Alphons: ... .
Sie: Aaalphoons, bitte!
Er schaut fragend und etwas verärgert zu ihr auf. Sie deutet ihm an, die Kopfhörer abzunehmen. Er tut es widerwillig.
Er: Muss das sein? Was ist denn?
Sie: Abendessen.
Er: Ach so. Ja dann. Was gibt's denn heute?
Sie: Fish and Chips.
Er: Im Ernst?
Sie: Natürlich nicht: Obschon ...
Er: Obschon was?
Sie: Ich nichts dagegen hätte.
Er: Einverstanden. Das nächste Mal dann wieder in Torquay.
Sie: Ja, warum nicht. Was hast du da vorhin gehört? Da bist ja völlig weggewesen.
Er: Monteverdi, die Marienvesper mit Gardiner.
Sie: Kenn' ich nicht. Und was gefällt dir an der so besonders?
Er: Na alles, die alten Instrumente, Melodik und Rhythmik, wenn Monodie und Polyphonie abwechseln und ...
Sie: ... schön. Aber bitte jetzt keinen Vortrag. Ich hör' mir die Vesper später mal an ... jetzt wollen wir essen ... das Poulet wird sonst kalt.
Er: Richtig ... Dann gibt's heute eine Pouletphonie ... quasi?
Sie: Nicht frech werden.
Er: Bin ich doch nicht. Ist nur ein Wortspiel.
Sie: Ja was? Wer hätte das gedacht? Ich kenn' da noch ein anderes Wort. Es heisst Polyphonitis ... mit den Handys und so.
Er: Die meinst die Leute, die öffentlich nicht nur viel, sondern auch laut herumtelefonieren?
Sie: Ja genau, da bahnt sich eine globale Epidemie an. Gestern wieder im Zug. Da hat irgend eine Tussi ihren Bettvorleger zusammengestaucht. Und das fortissimo.
Er: Und? Hast du interveniert?
Sie: Aber sicher. Ihr Sexualleben intessessiere hier niemand.
Er: Und. Wie hat sie reagiert?
Sie: Wie immer ... das gehe mich nichts an.
Er: Da hat sie recht, das geht nur sie was an ... und deshalb sage ich dann immer: Bitte leise sprechen oder den Wagen verlassen.
Sie: Und, tun sie es?
Er: Selten.
Sie: Schön wär's ja schon. In London gibt's jetzt Bussen. Wer in der U-Bahn laut telefoniert oder Musik hört, wird bestraft.
Er: Und nützt's was?
Sie. Das weiss ich nicht. Und in Sardinien darf in den Restaurants jetzt nicht mehr telefoniert werden ... ich glaube, die müssen ihr Handy abgeben oder draussen bleiben.
Er: Das muss ja paradiesisch sein ... wie dein Poulet.
Sie: Danke. Das Rezept habe ich im Zug nach Lugano vernommen. Da hat eine Tessinerin es am Telefon ihrer Freundin durchgegeben.
Er: Und du hast nicht reklamiert?
Sie: Nein, sonst hättest du jetzt Fish and Chips auf dem Teller.

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