Kritik
Etwas mehr Morgenröte am 1. August

«Trittst im Morgenrock daher», hatten am 1. August wir Jungen frech gesungen, obwohl wir weder die erotische Konnotation, noch das Fremdwort verstanden hatten.
Wahrscheinlich auch nicht so recht wussten, wer da im Morgenrot dahertritt. Irgendein Hocherhabener, Herrlicher oder Elvis. Uns war klar, der Nachbar konnte das nicht sein. Der war klein und nicht gerade menschenfreundlich und auch kein Liebender. Wer seine Frau kannte, wusste warum.
Also wer war dieser allmächtig Waltende, uns vielleicht Rettende, wenn wir im Garten des anderen Nachbarn beim Äpfelklauen erwischt worden waren? Der Präsident der Nationalbank, der Dorflandjäger, vielleicht Gott höchstderoselbst.
Ganz sicher nicht Friedrich Nietzsche in dessen Buch «Morgenröthe» - siehe rechte Spalte - kein Unergründlicher, vor allem aber kein Ewiger herumgeistert. Denn für Fritz war Gott tot. Für ihn hätte er keinen Platz in einer Nationalhymne reserviert. Ich denke zu recht. Ich plädiere für den Laizismus Frankreichs.
Das der Allmächtige aber dabei sein müsste, fanden 1840 der Texter Leonhard Widmer, und 1841 der Komponist und Wettinger (sic!) Zisterziensermönch Alberich Zwyssig selbstverständlich, wie schon in seinem Vorläuferwerk, dem Messegesang «Diligam te Domine» (Ich will Dich lieben Herr.) aus dem Jahr 1835.
Nebenbei sei erwähnt, dass der Aargauer Grosse Rat im gleichen Jahr mit 115 zu 19 Stimmen bei 9 Enthaltungen die Klöster aufgehoben hatte, was je nach konfessioneller Optik divergent beurteilt wurde und 1847/48 zum Sonderbundskrieg führte.
Aber zurück zu unserem Schweizer Psalm. Angesichts der «modern times» mit ihren technologischen Fieberschüben und ihrer Götterferne bedauern viele, dass da nicht schon längst etwas Neues und Adäquateres gefunden wurde.
Einfach etwas mit mehr Gehalt, Schmiss, Tempo und mit einem zeitgemässeren Text; wenn’s geht, ohne Gebetsruf, ohne pantheistisches Pathos (Seh’ ich Dich im Strahlenmeer.) und ohne diese fromme Seele, welche Gott im hehren Vaterland ahnen soll; was ein in der Wolle gefärbter Atheist sicher nicht mehr mitsingen kann. Und von denen gibt es immer mehr.
Aber was jetzt? Ich wünschte mir sowas wie eine helvetische Marseillaise, statt diese lauwarme fromme Mayonnaise. So etwas wie Fratelli d’Italia: «Stringiàmci a coòrte» (Lasst und die Reihen schliessen.), statt den Röstigraben zu vertiefen und den Marroni-Berg zu erhöhen. Und nicht zu vergessen das Grischun.
Adolf Muschg zur Landeshymne
AZ bemerkt: Für das Schweizer Radio und Fernsehen haben Sie vor gut 10 Jahren noch eine Rede zum Nationalfeiertag geschrieben, in der Sie die Abschaffung der Landeshymne forderten.
Ja, im Zweiten Weltkrieg trieb mir unsere alte Hymne (Rufst du mein Vaterland) noch das Wasser in die Augen. «Stehn wir den Felsen gleich, nie vor Gefahren bleich, froh noch im Todesstreich ...» Später plädierte ich für eine Landeshymne ohne Morgenrot und Strahlenmeer und all das Heldentum, das die Schweiz zum Glück nicht hat beweisen müssen.
Da findet sich 1881 auf dem Titelblatt von Nietzsches Frühwerk ein Satz aus dem Rigveda, der Sammlung philosphischer Texte des Hinduismus. Er eignet sich auch als Motto für den 1. August, den wir eigentlich am 12. September feiern sollten, denn an diesem Tag im Jahre 1848 erklärte die Tagsatzung, dass «die schweizerische Verfassung damit angenommen ist und als Grundgesetz der Eidgenossen-schaft» gilt.
Der Vers aus dem Rigveda lautet:
Es gibt so viele Morgenröthen,
die noch nicht geleuchtet haben.

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