Satiren
Wäffligers und die Jugendfestrede

Paula streckt Alphons die Lokalseite des kantonalen Intelligenzblättchens entgegen und zeigt auf einen Leserbrief.
Paula: Hier, den Leserbrief, den musst du lesen.
Alphons: Muss ich wirklich? Ich lese keine Leserbriefe mehr.
Sie: Den aber schon.
Er: Ja gut, dann halt.
Sie, nach einer Pause: Na und? Was sagst du?
Er: Nichts. Das lohnt doch nicht.
Sie: Meinst du. Aber der Kommentar strotzt doch nur so von Gift und Ressentiments.
Er: Ja schon. Und tönt wie das Echo aus dem Hinterwald.
Sie: Du hast doch die Rede gehört? Hat die Frau wirklich zu Ungehorsam gegen die ältere Generation aufgefordert?
Er: Quatsch. Sie hat gemeint, man könnte mit vielen Ideen das Jugendfest entstauben.
Sie: Da hat sie ja nicht ganz unrecht. War’s das schon?
Er: Nein. Die Kinder und Jugendliche sollen auch mal laut sein … und stolz … und den Platz einnehmen, der ihnen gehört.
Sie: Wenn sie ihn erkennen, warum nicht.
Er: Aber hier, lies, da hat sie in einem Hornissennest herumgestochert. Man solle das Lied Grosser Gott, wir loben dich aus dem Programm kicken. Nach über hundert Jahren ist es einfach nicht mehr im Trend.
Sie: Mag sein, aber das hätte sie eleganter formulieren können.
Er: Ja, mag sein,
Sie: Sie hat aber recht. Sowas gehört in die Kirche … doch nicht an ein Jugendfest.
Er: Das sehen Kirchenpfleger aber anders.
Sie: Das müssen die. Für die ist Gott keine Privatangelegenheit.
Er: Ja was dann? Eine Pflicht? Eine öffentliche Aufgabe?
Sie: Genau, und wer dagegen redet, ist eine Nestbeschmutzerin. Sagt jedenfalls der Leserbriefverfasser.
Er: Den Trick kennen wir. Wer opponiert, wird separiert.
Sie: Und isoliert.
Er: Oder deportiert.
Sie: Nicht übertreiben jetzt.
Er: Tu’ ich doch gar nicht. Der schreibt zudem, die Rede sei eine respektlose Tirade gegen frühere Redner gewesen.
Sie: Tirade? Das war allenfalls ein Fingerzeig.
Er: Du meinst auf andere Reden?
Sie: Ja. Einigen fehlte halt der elektrisierende Starkstrom.
Er: Oder waren schlicht gähnomenaler Schwachstrom.
Sie: Na und? Das tun Politiker nun mal ab und zu.
Er: Politikerinnen aber auch, bitte.
Sie: Ja, ja, schon gut. Die auch.
Er: Wer und wie auch immer. Komm, lassen wir diesen Sauertopf einfach stehen.
Sie: Jetzt aber trotzdem. Ehrlich, wie fandest du die Rede?
Er: Mutig und unkonventionell. Obschon Slam-Poetry nicht unbedingt mein Ding ist.
Sie: Ja, stimmt. Und sonst?
Er: Na ja, sie war spritzig, spitzig, auch witzig, nie hitzig, manchmal etwas patzig, aber bissig, auf alle Fälle satirisch, sehr persönlich, locker und humorvoll. Den Leuten hat’s gefallen. Unserem Obernörgler weniger. Was soll’s?
Sie: Also war es kein pädagogisches Referat oder ein staatstragendes Traktat?
Er: Nein, im Gegenteil. Sie hat die Hauptpersonen des Jugendfestes, nämlich die Jugend ermuntert, sich zu engagieren. Wenn die das tut, und nicht in ihren iPhones absäuft, freut das auch mich.
Sie: Moment, entschuldige, mein Telefon klingelt … jaa … ich bin’s … ciao … doch … nein … ich kenne diesen Meckerfritzen nicht … ja, hast recht … ist unanständig … nein … aber … das stimmt so nicht … hat sie nie gesagt … wart’, ich geb’ dir den Alphons, er kennt die ganze Rede.
Bild: Jugendfest 1973

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