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Wahlslogans als Chiaroscuro:
Ein Festival der Adjektive

Inspirieren Stadtratswahlen noch immer zu nörgeln und zu sörgeln? Nein, nach wie vor nicht. Es bleibt beim personellen Hell und Dunkel, wie in der Malerei das Chiaroscuro, wo dieses bei Gerrit van Honthorst für Bildtiefe sorgen.

Aber wie denn haben die Kandidatinnen und Kandidaten zu sein? Ganz sicher keine Falschspieler, wie sie Honthorst oben ins Bild gesetzt hat. Sondern weit eher, wie sich Goethe den Menschen gewünscht hat, nämlich «edel, hülfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.»

Glaubt man den fabulösen Adjektiven in den Wahlempfehlungen, dann scheint des Dichters Wunsch erfüllt zu sein. Wir entdeckten im Konjunktiv nämlich lauter sprühende Wunderkerzen und funkelnde Vulkane. Hier die Belege.

Chiaro?
Ein Kandidat ist stets abwägend. Eine Andere gilt als akribisch und zugleich durchsetzungsfähig. Jener soll effizient, dabei engagiert und erfahren sein, während eine Kollegin sich als familienfreundlich aber auch als führungsstark sieht. Jener wiederum hält sich für das Amt geeignet, integer, integrativ und zugleich kompetent.

Konfrontativ-konstruktiv, aber immer lösungsorientiert und menschlich, auch als nachhaltig offen ökologisch bezeichnet ein bestellter Leserbriefschreiber seine Parteikollegin. Eher sachlich, teamfähig, vernetzt und weitsichtig packe Kandidat X die Probleme an. Jene hingegen erklärt, wie wichtig Integration und Toleranz seien, und wie zukunftsorientiert sie selber das alles angehe.

Natürlich stellte man sich auch heute wieder sofort die Frage, ob da wohl alles stimmte, was uns dieses Adjektiv-Festival öffentlich weismachen wollte. Denn wir wollen ja diese Wunderknaben und Wundermeiden gerecht beurteilen können. Aber wir wissen auch, dass Vollkommenheit zu den Kategorien des Göttlichen zählt.

Oscuro?
Also müsste man zum Ausgleich eigentlich auch unangenehmere Eigenschaften erwähnen, die wir aber niemals jemandem öffentlich anhängen würden. Denn wer hörte schon gerne, dass er weder edel, hülfreich und gut, sondern ein Pedant und Erbsenzähler, auch stur und effizient rücksichtlos sei. Und will man als Kandidatin etwa daran erinnert werden, dass man sie als streitlustige Krampfhenne sieht, welche auch schon mal als inkompetent und führungsschwach gilt.

So etwas sagt niemand laut, auch wenn es vereinzelt ehrlicher empfunden wäre, die Menschlichkeit zugunsten der Gerechtigkeit zurückzustellen oder den Wirtschaftserfolg der Ökologie zu opfern. Ja, und dann denkt man noch ungerne an diese Denkzwergin und jenen Klappspaten in AfD-Nähe. Die seien weder sachlich noch weitsichtig, also weit eher ein Fall für den Augenarzt.

Conclusio?
Ja gut, aber was dann und wie weiter? Wie vermeiden wir dieses Chiaroscuro-Bild, welche Teile der Classe politique abgeben? Wäre es nicht klüger, statt mit unglaubwürdigen Adjektiven zu prunken, einfach mal ehrlich zu sagen:

«Liebe Wählerinnen und Wähler. Ich weiss auch nicht genau, wie und was ich sein werde, und schon gar nicht, was auf mich zukommt. Da will ich Ihnen gar nichts vormachen und versprechen. Aber ich werde versuchen, mein Bestes zu geben. Kann sein, dass Ihnen das auch nicht genügt. Ja gut, dann kandidieren Sie doch gleich selber.»


Kommentare (1)

Ueli Keller am 23.11.2025 16:08

Dass ein Bild mit Falschspielern diesen Beitrag illustriert, finde ich extrem witzig. Entspricht es doch einer Politik, die in einer Welt, die von Gier, Herrsch- und Vergnügungssucht sowie von Zerstörungswut geprägt ist, erfolgreich sein und zugleich glaubwürdig und integer scheinen will.

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