Kritik

Schon wieder ein Meisterwerk?

Glaubt man den Zeitungen, dann erscheinen jede Woche mindestens zwei literarische Jahrhundertwerke auf Stufe Werther oder Tristram Shandy. In der Regel dann von Jungtalenten mit lockichtem Haar und melancholischem Mädchenblick verfasst.

Und die Kritik wird dem Niveau gerecht. Hier ein beliebig ausgewählter Beitrag:

«Die Autorin hat ihr sprachliches Repertoire für diesen fast 500-seitigen Roman ausgebaut.»
Das wollen wir aber schwer hoffen. Ist ja schliesslich nicht ihr erster Roman. Das ist wie mit der Leber, sie wächst auch mit ihrer Aufgabe.


«Die Innensicht des seinen Schmerz mit Tabletten betäubenden Anwalts Peter erleben wir über einen inneren Monolog aus abgehackten Hauptsätzen, die ziellos umhermäandern.»
Tolle Genetiv-Akkusativ-Satz-Konstruktion der sich bemühenden monologisierenden Kritikerin. Und wie wohl abgehackte Hauptsätze klingen mögen, wenn sie ziellos herummäandern? Etwa so: "Zack, zack, Romane schreiben, schwierig, ohne Tabletten, geht gar nicht."

«Die Protagonisten wirken reifer, kühle Debattenkultur ist mit warmer Poesie unterlegt. Und es fallen nicht nur Sätze, sondern es fliegen auch mal Fäuste.» 
Das sei Gott vor. Gewalt? Und warme Poesie unter kühler Debattenkultur? Wie das wohl klingen mag? Adorno mit Eichendorff untermalt?

Mein Fazit. Immer wenn ich diese Elogen über diese am Leben leidenden, jungen Sex-Affairen-Sammel-Bände-Autorinnen und -Autoren zu lesen kriege, lautet die erste Frage immer: Buch kaufen oder nicht? Ich bin ein paarmal dem empfehlenden Rat gefolgt. Habe es immer wieder bereut. Ich tu's nicht wieder. Und noch grund-sätzlicher: Warum fehlt in diesen Kritiken regelmässig eine Original-Passage als Sprachbeispiel? An ihren Sätzen sollt ihr sie erkennen.

Also gilt, was Aldous Huxley sinngemäss in «Along the Road» schreibt: «Im Roman erwartet man ein Minimum an Wahrscheinlichkeit, Lebensnähe, eine glaubhafte Charakterisierung und einen guten Stil. Und keine unwahrscheinliche Geschichte, in der die Figuren bessere Puppen sind.» 


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