Querbeet

General-Anzeiger Brugg und Rundschau:
«Querbeet» vom 31. August 2023
«SIE oder DU?»

SIE oder DU? Das ist hier die andere Frage. Wie auch immer: Jedenfalls würden mehr Höflichkeit und Comment in öffentlichen und geschlossenen Räumen uns nicht schaden. Es müssen ja nicht gleich die Umgangsformen des Rokoko sein. Zum Einstieg ein Gegenbeispiel:

Neumarkt I. Souterrain. Werbestand. Davor ein junger Mann. Er sammelt Spenden für eine Organisation. Er spricht hochdeutsch. «Halloo, sach mal, hast Du ‘n Moment Zeit?» Ich frage zurück: «Warum duzen Sie mich?» Wenig verdutzt meint er: «Ich kann auch SIE.» - «Offenbar nicht», antworte ich und gehe meiner Wege.

SIE oder DU? Das ist hier die Frage. Ob’s edel im Gemüt, das zu schnelle DU zu ertragen? Fragen wir den Illuminaten, Adolph Freiherr Knigge. Hätte ihn solch Ungemach echauffiert? Wohl kaum, denn in seinem Hauptwerk «Über den Umgang mit Menschen» war das im 18. Jahrhundert kein Konversationsstoff.

Gut, Knigges Besteller ist kein Benimmbuch, das rät, welches T-Shirt zu welcher Techno-Party passt. Oder wer, wen, warum zuerst und wie grüsst. Er sagt uns bloss, wie man sich freundlich und klug aufführen soll; somit Conduite und Contenance beweist, um in seiner Sprache zu reden.

Wir hier fragen uns aber eher, wann darf oder soll man duzen? In Clubs, Vereinen, Politik, Lehrerzimmern gilt das DU, klar. Und in Unternehmen? Das soll es auch schon mal par ordre du mufti verfügt worden sein. Finde ich unschön. Und dort ein Bewerbungsgespräch mit «Hallo Chef, wie geht’s, altes Haus?» zu eröffnen, scheint ja auch nicht gerade Erfolg zu versprechen.

Gibt's Regeln? Vielleicht die: Der hierarchisch Höhergestellte, der Ältere und die Dame bieten das DU an. Was aber, wenn Sie ein DU contre coeur auf die Nase gepappt kriegen? Der Satz von den nicht gemeinsam gehüteten Schweinen zeugt nicht gerade von gesellschaftlich erlesener Delikatesse. Was wäre da angemessen? «Bitte entschuldigen Sie mich. Ich sehe gerade, die N. N. sind angekommen. Ich muss sie begrüssen.»? Oder einfach sich wegdrehen, geht auch nicht. Was also? Ich bitte Sie um Vorschläge. En passant: In Frankreich siezen sich Ehepaare der Haute Bourgeoisie heute noch. Ist in gewissen Lagen doch sehr reizvoll.

Somit empfehlen sich höfliche Distanz und Sparsamkeit mit dem DU? Denn wer will schon per DU mit Leuten gemein werden, die Knigge «Aventuriers, Prahler, Windbeutel und seichte Köpfe» nennt?


Vorschau

Am kommenden Donnerstag, 19. Oktober 2023, erscheint im Brugger General-Anzeiger mein neues  «Querbeet» zum Thema «Kreuzwege der Sprache». Da geht's um die unbewerteten Unterschiede zwischen Hoch- und Umgangssprache.


 

Kommentare (1)

Georges Ramstein am 09.12.2023 17:29

In Dänemark und anderen skandinavischen Ländern duzt man sogar den König ! Aber immer mit Respekt ! Sich duzen bedeutet ja nicht per se, dass man den Anstand verloren hat. Falls man überhaupt solchen hat. Sich duzen bedeutet ja auch nicht zum Vornherein, dass man gut oder intim befreundet ist. Man sollte daher mit Personen, die einem auf irgend eine Weise unangenehm sind, keine Duzbekanntschaft anstreben. Leider kennen wir hierzulande die im englischen Sprachgebiet mögliche Anrede mit Vornamen mit Sie eher weniger. Eigentlich schade !

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