Querbeet
General-Anzeiger Brugg und Rundschau:
Querbeet vom 1. Oktober 2026
«Geburtstage»

Heute wird’s als Ausnahme etwas persönlicher. Der Zufall, oder was auch immer, wollen es, dass diese Kolumne mit meinem 78. Geburtstag zusammenfällt.
«Was, 78? Du siehst aus wie 77.» - «Danke, meine Liebe.» Kein Zufall ist hingegen, dass man Jahrestage immer weniger engagiert begeht oder intensiv befeiert. Etwas Moët & Chandon, kleiner Quadratkuchen mit Kerze zum Ausblasen, im vertrauten Kreis, das ja; aber bitte kein kakophones «Happy Birthday to You» intonieren. Glück kann man weder ersingen noch erzwingen.
Eher besinnt man sich auf die immer länger werdende Vergangenheit und auf die schwindende Zukunft. «Das nennt sich condition humaine, mon cher.» Søren Kirkegaard dazu lakonisch: «Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es aber vorwärts.»
Na wunderbar, lieber Søren, machen wir. Da gibt’s aber Fälle, wo Vergangenes und Gegenwärtiges die Zukunft für ein frohes Vorwärtsleben behindern. Man hat so seine Erfahrungen gemacht mit der Classe politique, im Militär, mit Leserbriefschreibern und medialen Trommlern mit ihrem «Viel Lärmen um Nichts»: Der Kanal war manchmal randvoll.
An viele Geburtstage erinnere ich mich nicht mehr genau. Den zwanzigsten zur damaligen Volljährigkeit erlebte ich in einem Bunker. Statt Kerzen ausgeblasen, habe ich draussen mit scharfen Handgranaten um mich geschmissen. Mein schönster Geburtstag war das nun nicht, aber dafür der lauteste. Und der schönste? Das war mit meiner Frau in Venedig.
Eines allerdings erkannte ich in der Rückblende an jedem Geburtstag, so auch heute wieder, nämlich die Sache mit dem Mainstream. Nicht wenige meiner Generation versuchten, ihm zu entkommen. Niemals mit dem grossen Haufen laufen. Ja, ja, ich weiss, elitär arrogantes Gehabe. Dazu kurz ein paar Beispiele: Stravinsky statt Status Quo, Blaise Pascal statt Patent Ochsner, Gottfied Benn statt BRAVO, Paul Klee statt Rolf Knie.
Klar ist das abgehoben, prägte aber eine kantenreiche Haltung. Das hat sich heute nur insofern verändert, als dass die Kapriolen und Pirouetten der glückseligen Mehrheit mit Toleranz oder Gleichgültigkeit quittiert werden. Das gilt für Emotion Days, Raves, Acts, Party-Locations, Events, auch für Krachfeste und «Wiesn» am Thermalbad.
Und dass nun mal manches irrwitzig, hirnverbrannt, brutal und sinnlos, vor allem aber unglaublich lächerlich ist, das werde ich gelassen wohl in einem Jahr wieder erkennen dürfen. Also Leute: Trotzdem moderat bleiben, vor allem am Geburtstag.

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Kommentare (1)
Wäre ich Astrologie-Aficionado, deutete ich aus dem Kaffeesatz des Sternenhimmels deinen Geburtstag, der auf den Ersten eines Monats fällt, eindeutig als Aufbruchsignal, als Zeichen für einen Menschen, der die Dinge immer wieder von Beginn und von Grund auf neu angeht, nicht locker lässt und sich weder vom Wetter noch – als Kolumnist – von den kritischen Kommentaren der Angesägten einschüchtern lässt. Das trifft auf Dich durchaus zu; doch die armen Sterne haben daran wohl eher bescheidenen Anteil.
Kommt dazu, dass mein Ansatz von Kaffeesatzlesen und Horoskop-Hokuspokus erbarmungslos in sich zusammenfällt, wenn ich mich am französischen Revolutionskalender orientiere, bei dem Dein Geburtstag heute auf Tag 10 des Vendémiaire im Jahr 235 fällt. Das wäre sogar ein «Décadi», also ein Ruhetag. Und der Name, wie er damals jedem Tag geschenkt wurde, wäre «cuve» gewesen, also Weinfass. Natürlich öffnete das auch Raum für Spekulationen, hier eher der önologischen als der astrologischen Art.
Ich hüte mich jedoch vor weiteren Versuchen, Deinem Jubeltag höhere Zusammenhänge unterstellen zu wollen, und gratuliere Dir schlicht, einfach und ohne Handgranaten zu Deinem 78. Geburtstag.