Querbeet

General-Anzeiger Brugg und Rundschau:
Querbeet vom 3. September 2026
«Infantino und Neutralität»

Zu Infantino fällt mir nichts Wesentliches ein. Ich bin da integral neutral, obwohl manche zurecht bezweifeln, dass sowas möglich ist.

Auch fallen mir keine scharmanten Vokabeln ein. Und Sportnachrichten ignoriere ich grundsätzlich. Ist ja eh immer dasselbe. Nur die Namen wechseln wie die hitzigen Launen der Natur. Meine Devise: Sport schaut man nicht, Sport macht man.

Dass man Infantino mit «infantil» assoziieren kann, will ich als neutraler Beobachter gerne übersehen. Aber ich erinnere mich an die «Füsel», welche in der Infanterie mehr oder wenig freudig den Dienst am Vater-Mutter-Land geleistet haben, die sich hingegen kaum bewusst waren, woher das Synonym für die Fusstruppen eigentlich herkommt. Da hilft uns jetzt Wikitricki.

Der Begriff Infanterie entstammt dem romanischen Süden. Italienisch bezeichnete «infante» den Knappen eines Ritters. Es leitet sich aus lat. «infans» für Kleinkind ab, was nun doch sehr seltsam anmuten würde, wenn man unsere Infanterie mit Kleinkindern vergliche.

Das sind halt die Mysterien der Sprache. Wie der Umstand, dass lat. «infans» ein «nicht sprechendes Kind» bedeutet, dies abgeleitet von in = nicht und fans = sprechend. Aus dem lallenden Kind wurde ein Knabe und junger Soldat, eben ein «fante», welcher der Truppengattung «Infanteria» den Namen gab.

Nun marschieren auf den Waffenplätzen sicher keine sprachlosen Kleinkinder herum. Da wird sehr wohl gesprochen, vor allem wurde früher auch herumgebrüllt, als die Armeespitze noch glaubte, die Reichswehr deutscher Provenienz sei ein Vorbild. Von Neutralität also keine Spur.

Liebenswürdiger ist dies: Der Infantin Isabella, Tochter von König Philipp II. von Spanien, bewilligte ihr Vater eine eigene Fussvolk-Truppe. Ihr zu Ehren wurde der Verband dann als «infanteria» bezeichnet.

Nun gut, was hat das jetzt mit Infantino zu tun? Genau so wenig, wie ich mit dem zu tun haben möchte. Der scheint sich jetzt ja endgültig zum «enfant terrible», zum «infans terribilis» in den Geschäftsräumen der internationalen Tschutticlans zu mausern.


Das nächste «Querbeet»

Es erscheint im General-Anzeiger und in der Rundschau am 1. Oktober unter dem Titel
Geburtstage. Da wird die Frage angeschnitten, ob man sie mit zunehmendem Alter auch noch gebührend ausgelassen feiern möchte.


Kommentare (6)

Pirmin Meier am 14.09.2026 11:43

Nachtrag: "Wegen Polemik ruhig hocken".

So meinte ich es nicht direkt mit dem geschätzten Adalbert P. Schnetzer. Es gibt aber eine generationenlange Polemik gegen die Schweizer Neutralität mit nachweislich zu wenig vertieften Hintergründen. Gilt leider auch für die neueren Beratungsteams des Bundesrates, etwa die Finnin, auf die sich die in Militärsachen selber nachweislich nicht kompetente Bundesrätin Amherd berief; sowieso wurde kein Bundesrat wegen seiner aussenpolitischen Kenntnisse gewählt wie einst noch der Aargauer Hans Schaffner, Vater unserer wichtigsten EU-Verbindungen.

Bei der Ratifizierung unserer Neutralität am Wiener Kongress 1815 wird regelmässig über das Eingreifen des Schweizer Philosophen I. P. V. Troxler (aus Beromünster) nicht eingegangen, wie dieser dort den (nicht demokratisch gewählten) Schweizer Abgeordneten ins Konzept gefahren ist: Die Neutralität dürfe nicht von aussen definiert werden! Trotzdem war es richtig, dass dies geschah und sie insofern Völkerrecht wurde. Die Pointe: Auch mögliche Feinde, zum Beispiel Österreich, das 1847 die Sonderbundskantone unterstützte, müssen uns als neutral ansehen! Das galt 1939/45 auch Deutschland gegenüber. Und nur unter dieser Bedingung gibt es Schweizer Vermittlungskompetenz! Und es stimmt, dass es ohne Spitzenwissen über diese Vermittlungen z.B. nach dem Atombombenabwurf gegen Japan und auch sonstige gründliche Kenntnisse der Neutralitätsgeschichte ein kompetent beratenes Urteil nicht gibt.

Pirmin Meier am 14.09.2026 10:38

Zu Adalbert P. Schnetzers Kommentar:
Das Gedicht von Ueli Keller, Gärtners, meinem Gefährten seit 1959, entbehrt nicht des Tiefsinns. Schon Brecht warnte vor allzu plumpen direkt politischen Gedichten, warnte indes vor Naturgedichten, die angeblich das Unrecht auf der Welt ausklammern.

Über Neutralität fehlt bei den Politikern flächendeckend Grundwissen, und man muss schon ein Polit-Analphabet sein, um Köppels Meinung über Putin, dem er den Sieg eher wünscht als Selenskyi, mit dem Text der Initiative, der von Alt-Botschafter Paul Widmer mitformuliert wurde, zu verwechseln.

Natürlich waren auch die Nazis in der Schweiz für die Neutralität, was aber nichts ändert, dass der von Köppel verehrte NZZ-Chef Bretscher ein entschiedener Anti-Nazi war. Darum glaubwürdiger als Köppel. Und für den Fall, dass Sie sich nicht mit der Rolle der Schweiz 1954 bei der Befriedung Japans befasst haben, wo Diplomat Stucki auf die integrale Neutralität der Schweiz sich berufen konnte, ober auf die seinerzeit exemplarische Rolle der Schweiz beim Korea-Krieg, sollte mit Polemik ruhig hocken. Für die integrale Neutralität der Schweiz gäb' ich, wie bei der Beschränkung auf 10 Millionen Einwohner, für mindestens 10 Jahre die Bundesratssitze der SVP her, schon damit diejenigen, die nur wegen Blocher Nein sagen, sich in ihren persönlichen Ressentiments etwas beruhigen können. Sicher ist aber, dass die Verteidigung der Neutralität in der Art von Bretscher und der Text der Initiative mit politischer Gleichgültigkeit nichts, aber auch gar nichts zu tun haben.

Adalbert P. Schneitzer am 04.09.2026 10:15

Wenn ich Herrn Trentin richtig interpretiere, dann votiert er etwas verklausuliert für ein deutliches NEIN gegen die eng gefasste Neutralität der hängigen russlandfreudigen Initiative. Allerdings begreife ich den Sinn der Verbindung zum "Tao Te Puh" nicht auf Anhieb, denn Gleichmut ist ja nicht dasselbe wie Neutralität. Und schon gar nicht so etwas wie Gleichgültigkeit in der landläufigen Version.

Ueli Keller am 04.09.2026 09:12

Neutralität(er) ... oder: Die Weisheiten von Puh dem Bären

"Am Montag, wenn die Sonne scheint,
frag' ich mich oft, wie was gemeint:
Wie finde ich in Wahrheit das,
was welches ist und welches was?

Am Dienstag Schnee- und Hagelschauer,
da weiß ich dann schon eins genauer:
Nur sehr, sehr wenige verstehn es,
ob jenes dies und dieses jenes.

Am Mittwoch, wenn der Himmel blaut,
leg’ ich mich auf die faule Haut
und wundere mich still fürbaß,
dass was ist wer und wer ist was.

Am Donnerstag ist’s wieder kalt,
und Raureif schimmert auf dem Wald:
Jetzt kann man endlich klar ermessen,
wes was ist – doch was ist dann wessen?

Am Freitag - “

aus: “Tao Te Puh” (Erstauflage 1982)

Pirmin Meier am 03.09.2026 14:40

(...) Der Kommentar über Infantino ist eine Art Übung des Schweigens nach dem Motto, man könnte und sollte wohl endlich über Gescheiteres reden. Selber hatte ich in heissen Phasen des Kalten Krieges auch Mühe mit der Neutralität. Wiewohl mir unterdessen das damalige Schema "Chruschtschew böse - Kennedy gut" etwas "gschmuch" vorkommt. Auch hat noch 1968/69 Deutschland mit Aussenminister und Kanzler Brandt damals die Entspannungspolitik mit der Sowjetunion trotz Breshnev-Doktrin u. brutaler Vergewaltigung der Tschechoslowakei nicht eingestellt und die Schweiz ihre Neutralität, nicht Gesinnungsneutralität, ausdrücklich bestätigt, u.a. Bundesrat Graber.

Mein Hauptproblem mit der Neutralitätsdebatte liegt darin, dass hier selbst auch ein von mir keineswegs in seinen Verdiensten abgelehnter Politiker wie Christoph Blocher hier weit unter seiner Normalform bleibt und das Schlagwort "Friede" bzw. "Kein Krieg" kurzschlüssig bleibt. Das Schlimmste aber ist, dass statt über vertieft Grundsätzliches jetzt wieder wie bei der Zehnmillionen-Initiative über eine "Blocher"-Initiative gesprochen wird, noch schlimmer wirkt sich aus, wenn man Köppels Eintreten für Neutralität wie er selbst mit demjenigen von weiland NZZ-Chefredaktor Bretscher verwechselt, der seinerzeit keineswegs ständig das Verhalten eines Aggressors verteidigte. Insofern wirkt Köppel als Verteidiger der Neutralität nur kontraproduktiv.

(...) So könnte ich mir eine international solidarische neutrale Schweiz in einem befriedeten Europa vorstellen, allenfalls vorzügliches Übungsgelände nicht nur für die schweizerische Infanterie, um auf ein immerhin eindrückliches Motiv im Essay von Valentin Trentin zurückzukommen. (...)

Ernst Bannwart am 03.09.2026 12:20

Lieber Valentin
wenn Du hier keinen Kommentar von mir findest, dann siehst Du richtig. Die Neutralitätsinfantive verbietet mir jede Stellungnahme, da ich es zu meiner eigenen Sicherheit weder mit dem Fifaboss noch mit Dir verderben will. So halte ich mich strikt an das bewährte Prinzip: Ich höre nichts, ich sehe nichts, ich sage nichts. Hoch lebe die absolute Neutralität - auch wenn sie vielleicht ein Eigengoal ist. Womit wir wieder beim Thema wären...

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