Gästeseite
Deutschland, quo vadis?

Eher zufällig hat ein Herr Thielmann diese Website entdeckt und als Gast ein paar Zeilen gesandt. Er schreibt:
Vorweg dies: Ich heisse Theodor Thielmann und bin in Leipzig 1973 geboren. Meine Eltern sind 1990 nach der Wende in den Westen nach Hamburg zu Verwandten gezogen; später dann nach Göttingen, der Universitätsstadt in Südniedersach-sen, wo ich 1993 an der Georg-August-Universität (Georgia Augusta, gegr. 1737, siehe Bild) ein Mathematikstudium begann und abschloss. Dabei denke ich an einen nicht ganz unbekannten Mathematik- und Physik-Professor und Aphoristiker, nämlich an Georg Christoph Lichtenberg.
1999 bin ich in die Schweiz gezogen und arbeite seither als Versicherungs-Mathe-matiker. Seit 2011 bin ich Schweizer Staatsbürger und werde nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Der Rest ist privat.
Soviel zu meinem Umfeld. Jetzt aber sofort zur Sache. Sie heisst Deutschland, das gegenwärtig offenbar von Krise zu Krise wankt. Regierungs-Koalitionen haben es dort schwer. Kaum sind Lösungsansätze z. B. zum berüchtigten Heizungsgesetz oder zur Asyl-, Steuer-, Renten-, Gesundheits- oder Umweltpolitik veröffentlicht, geht's los.
Gnadenlos wie Heuschrecken fallen dann Verbände, Interessengruppen, Gewerk-schaften, Unternehmerlobbys, Expertisengrossmeister, Bürokratenclans, Oppostionsparteien, Universitätskoryphäen, Berufsmäkler, Espritgranaten und Kritikblindgänger über das Vorlagepflänzchen her und lassen an ihm nur wenig heile Blätter. Überhaupt das Kritteln und Nörgeln: Die DNA der Nation.
Das ist soweit in Ordnung. Da nennt sich Debatte und ist ein Element der Demokratie. Was mich allerdings an ihr stört, ist die Tonlage, dieser apodiktische Ton, diese knatternde oder verwaschene Diktion, täglich im «Deutschlandfunk» zu hören, vor allem aber dieses penetrant repetierte Mantra, Deutschland gehöre an die Spitze von Europa und habe da einen Anspruch und ein Recht auf eine gewisse Führerschaft. Man lausche in dieses Wort und denke dabei an die braune Sauce, entschuldigen Sie, an die dunkelbraune Tunke der AfD.
Noch weniger verstehe ich, dass in der Schweiz in gewissen rechtslastigen Kreisen, ja sogar in der SVP, Leute zu endecken sind, welche finden, die unterbelichteten Armleuchter für Deutschland, eigentlich die Schande der Nation, hätten teilweise recht.
Dass ich solche Nachricht als ehemaliger Ausländer freudlos lesen muss, wird Sie kaum verwundern. Und dass ich mir Sorgen um die Bundesrepublik mache, noch weniger. Denn das soll sie bleiben, eine Republik mit einer von mir aus repräsentativen moderaten Demokratie, obschon ich die direkte auch für Deutschland vorziehen würde.
Wie sagte schon unser Göttinger Aphoristiker: «Das Wohl mancher Länder wird nach der Mehrheit der Stimmen entschieden, da doch jedermann eingesteht, dass es mehr böse als gute Menschen gibt.» Und die muss man nun mal verhindern, dies nach dem Wahlspruch der Georgia Augusta: «In publica commoda» eben zum Wohle aller.
Die Gästeseite wartet auf weitere Texte.
Und das gerne unter Volldampf und «Volle Kraft voraus». Ihr Beitrag würde sicher dafür sorgen. Senden Sie bitte Ihren Text an info@valentin-trentin.ch. Siehe Beispiel.
Zugang zum Kommen-tar von Pirmin Meier
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Kommentare (2)
Lieber Herr Thielmann
Sie kitzeln am Beispiel Deutschland und an der dort stattfindenden, zwar demokratisch angelegten, aber praktisch lähmenden und z.T. peinlichen Debatte zu aller Arten von Themen an der Verletzlichkeit dieser Staatsform. Diese Verletzlichkeit beruht schliesslich – auch in der Schweiz – auf einem ungeschriebenen Codex des Respekts vor der Meinung des anderen und der inhaltlichen Abwägung der gegenseitigen Argumente in der Debatte. Das wäre das Idealbild, und dazu sind viele Meinungsbildner zum Glück eingeladen und willkommen.
Ist dieser Respekt jedoch nicht gegeben, was heute augenscheinlich ist, so entblösst sich die Schwäche der Demokratie und erstickt sie in der Vielfalt der berufenen und v.a. der vielen unberufenen Verlautbarerern, die nicht nach Lösungen oder Konsens suchen, sondern nach einem, durch die Demokratie ermöglichten Parkett für ihre Wohlgesänge. Vor dem Hintergrund, dass die Demokratie diejenige Staatsform ist, welche sich selber ersticken und abschaffen kann, wie erlebt ab 1933 in Deutschland, ist dies ein besorgniserregendes Szenario.
Wie kann Demokratie ermöglichen, dass alle Beteiligten zu Wort kommen, sich aber nicht gegenseitig lähmen oder desavouieren, sondern ein Interesse daran haben, gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden? Diese Frage wird uns beschäftigen, solange wir an das Modell der Demokratie glauben. Können wir sie nicht beantworten, wird die Demokratie in der heutigen Welt ein Auslaufmodell sein.
Lieber Herr Thielmann
Ob sich die AdD durchsetzen wird, scheint in den alten Bundesländern eher unwahrscheinlich. In den alten hingegen, da habe ich Zweifel, denn erwiesener Massen hat man in diesen Breiten die Segnungen der Demokratie nur während der Weimarer Republik und nach 1989, wenn auch nur zögerlich wahrgenommen. Da war und ist immer noch zuviel braune und rote Diktatur-Vergangenheit im Staatskreislauf.