Gästeseite

Gästeseite Nr. 3
Auch ein melancholischer Blick zurück

Diesen bietet uns der Bözener Hans Peter Joss an, nämlich eine unvergessene Fahrt im Doppel-Roten Pfeil «Churchill».

Ich erlebte eine einfache Kindheit - zusammen mit vier Geschwistern. Vater war bei der SBB angestellt und reparierte im Depot Aarau Lokomotiven. Die Mutter war mit uns drei Knaben und der Schwester ziemlich gefordert. Kaninchen, eine Hühner-schar und ein Pflanzblätz gehörten zu unseren täglichen Aufgaben. Denn wir waren hauptsächlich Selbstversorger.

Vater engagierte sich im Vorstand einer genossenschaftlichen Wohnsiedlung. Er war zudem aktives Mitglied beim Schweizerischen Eisenbahnerverband (SEV) Sektion Aargau. Die Büetzer-Solidarität war in unserer Familie eine praktizierte Grundhaltung.

Dieser SEV feierte Mitte der 50-iger Jahre ein Jubiläum. Die Mitglieder der Sektion Aargau wurden mitsamt ihrer Familien zu einer Jubiläumsfahrt an den Genfersee eingeladen. Der Vorstand organisierte einen «Roten Pfeil» (Einen sog. Churchill-Pfeil, RAe 4/8, der für die Landesausstellung von 1939 gebaut worden war.) Die kostenlose Benützung samt Fahrplan wurde von der Generaldirektion in Bern bewilligt.

Zwei Lokomotivführer, welche über Streckenkenntnisse und Fahrpraxis verfügten, übernahmen die Fahrt. Im Lokdepot Aarau reinigten unsere Frauen den Pfeil, dekorierten die Tische und waren wie damals üblich für Speis und Trank verantwortlich.

Die Fahrt begann um 0530 im Bahnhof Aarau. Einer der Lokführer erklärte die Maschine, beschrieb den Fahrplan und die Haltorte der Reise. Wir folgten einem Fahrplan-Schnellzug im Abstand von 10 Minuten.

Es ging über Olten, Solothurn nach Biel. Die Weinkellerei Biel der SBB hatte uns ein paar Kartons Waadtländer Weine gespendet. In Montreux besuchten wir das Schloss Chillon und dann ging’s zum Mittagessen in einem Park am Lac Léman. Der Vereinspräsident verlas eine Rede und würdigte langatmig Sinn und Zweck des SEV. Ein «Lierischnorri», fand ich.

Unsere Mütter verpflegten uns mit gekochten Wienerli und Kartoffelsalat. Der Wein und das sonnige Wetter belebten die Gesellschaft. Unsere SEV-Handörgeler animierten uns zum Singen und zu Strophen, welche wir noch nie gehört hatten. Eindeutig lustig und fidel wars! Und ein unvergessenes Eisenbahner-Familientreffen.


 

Kommentare (2)

Peter Haudenschild am 06.01.2023 20:10

Eine sehr schöne Erinnerung und passend geschrieben, Hans Peter. Ich sehe euch Kinder vor meinem geistigen Auge.

Yves Polin am 06.01.2023 05:02

Eine schöne Geschichte, sowie ein spannender Reisebericht. Aber auch ein interessantes Gesellschaftsbild aus den 50-er Jahren.

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