Kritikon

Laberlaberlaber-Poetik des Alltags

Ein guter Freund hat geschrieben:
«Ich möchte Dir noch eine tiefgründige Sonntagslektüre beliebt machen. Die Autorin hat sich mit ihrem "lyrischen" Gefasel wohl in den Olymp der "laberlaberlaber"-Poeten / Poetinnen geschrieben. Hier ein Auszug aus dem Lyrikbändchen. Möglicherweise fehlt mir der nötige Spürsinn für die versteckte Ironie bzw. die eher harmlosen Sarkasmen?»

Ihr Text

künstler

heute bin ich weniger lustig als sonst
sagt eine
sagt der andere
ich auch
und wie er einmal an silvester geweint hat

sind alle in meinem atelier
und klackern auf der schreibmaschine
und durchwühlen die regale
und schauen aus dem fenster
und laberlaberlaber
ich lege die napoletanische fischer platte auf
setz mich hin und geh auf facebook

alle gehen
ausser antoine
so rede ich mit dem
im morgenmantel
erkläre ich ihm
die russischen meister
bis seine augen verdrehen und zuklappen
dann scheuch ich ihn zum teufel


Der Kommentar
Was haben wir hier? Ein Gedicht? Ein modernes Gedicht? Von wem? Von einer 28-jährigen Juvenil-Poetin, die überzeugt ist, dass konsequente Kleinschreibung ohne Punkt und Komma Modernität suggeriert. Und dass simple Prosa durch mutierte Zeilenanordnung sich in Poesie verwandelt. Tut sie meistens nicht. Und hier schon gar nicht. 

Was erzählt uns das Mädchen eigentlich? Sie hat unliebsamen Besuch. Offenbar von Künstlern, die eine Schreibmaschine malträtieren, in Regalen stöbern, aus dem Fenster schauen, sich in Trance labern, während unsere Dichterprinzessin «O sole mio» auf den Plattenteller legt und zeitgemäss synchron und vergeblich im Facebook dem Sinn des Lebens nachspürt. Einem Leben, komponiert aus hohlen Szenenfolgen des Alltags.

Warum aber soll sie das nicht? Ist doch en vogue, das Private zu bedichten. Wenn da nur nicht auch noch dieser Antoine wäre, der nicht gehen will, den weder der Morgenmantel noch die russische Literatur in dem Masse betört, wie es die adoleszenten Zeilen dieser Debütantin nie und nimmer vermögen.

Warum nur scheuche ich diesen Jugendsünden-Schrieb nicht auch zum Teufel? Weil jeder Mensch, und vor allem ein junger Mensch, das Recht haben soll, sich zu qualifizieren, selbst dann, wenn er, und in diesem Falle, sie sich blamiert und gutgemeint im Rahmen des Bieler Clubdichtungsrings poetischen Unfug forciert und dafür auch noch einen Verlag findet.


 

Kommentare (2)

Dr. Canisius Mertens am 16.10.2018 18:13

künstler
heute find ich's nicht lustig
sage ich
sagen andere
wenn Poesie
nicht nur an silvester
uns heulen lässt

Ernst Bannwart am 16.10.2018 10:17

Sag mir, was ist das schon wieder, eine «Schreibmaschine»? - Und kann das eine 28-jährige überhaupt noch wissen? Müsste man mal den Test mit der «Wählscheibe» machen?

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Zentrale Frage der Human-gemeinschaft: Soll in Flug-zeugen Tomatensaft angeboten werden, ja oder nein? Die Bewertungsgesellschaft ist herausgefordert. Immerhin hält die Zeitung fest, dass die Relevanz dieser News als gering bezeichnet werden darf. Warum aber bringen sie es dann trotzdem? Weil in den Sozial-Media sonst das Geglicker und Geklacker verstummen würde und dann, oh peinliche Stille, tote Hose herrschen würde? Ich bestell’ sie ab, die Zeitung, nicht den Tomatensaft. Keine Spur von Zweifel mehr.

Wer mutig ist, wird belohnt? Ja sicher. Mit spitalreifen Schlägen und Fusstritten. So geschehen in Baden, wo ein junger Mann intervenieren wollte, als junge Kapuzentypen eine Frau attak-kierten. Das Rote an seinen Kleidern war Blut, kein Tomatensaft.