Aphorismen

Politik und Geschlecht

Eine Leserbriefschreiberin hält fest: «Ich wähle Babette Ballenberger (Name geändert) auch, weil sie eine Frau ist. Weil unsere männerdominierte Dorfpolitik (Name geändert) bei aller Sachbezogenheit auch die weibliche Sicht der Dinge braucht.»

Erste Matcho-Reaktion: Quatsch mit Feminismus-Sosse! Dann folgt aber der  Ordnungsruf zum Nachdenken; und zwar wie folgt:

Die weibliche Sicht der Dinge? Gibt es eine weibliche und eine männliche Sicht der Dinge? Oder doch nur die üblichen soziologischen Stereotypien?

Frauen seien intuitiv gefühlbetont, ästhetisch orientiert und warmherzig harmoniekuschlig. Sie brillierten mit den «sogenannten weiblichen Stärken und Talenten wie Kommunikation, Vernetzung, Integration» (Zitat K. Gentinetta).

Na gut, und die Männer?
Grobmaschig machtorientiert? Ästhetisch und ethisch unterentwickelt? Kommunikative Neanderthaler? Emotionale Troglodyten? Zwar vernetzt, aber massiv egoman? Integriert nur dann, wenn es für sie zweckmässig ist? Vor allem aber rational bis runter in die Boxershorts.

Da ist aber schon der Denkansatz daneben geraten, der da heisst: Frauen sind dies, und Männer sind das. «Pars pro toto» ist immer falsch. Einzig für den Tod, da stimmt es wieder.

B
eispiel 1: Ich kenne eine Frau, die verabscheut jede Art von gefühlsdusseliger Sentimentalität. Denken mit dem Bauch – dafür habe sie ein Gehirn – und sie meidet Männer, die dauernd einen dieser kilometerlangen Schals tragen müssen, weil ihre zarte Psyche die Ostwinde des Alltags kaum noch erträgt. Das Urteil dieser Frau ist stets durchdacht und immer knapp zusammengefasst. Keine spiraliges Dauerrepetieren, kein Abweichen vom Thema.

Beispiel 2: Ich meide einen Mann, der glückselig in einem trüben Gefühlsteich herumschwimmt, dauernd emotional betroffen und überfordert zu sein scheint, der sich in tausend esoterischen Welträtseln auskennt, und für alles Erklärungen sucht, die chronisch jenseits von Common Sense und Wissenschaft liegen. Mit ihm zu debattieren, das kommt mir vor, als müsste man Nebelschwaden in der Gegend herumschieben.

Um es kurz zu machen. Jemanden nur zu wählen, weil sie eine Frau oder er ein Mann ist, greift zu kurz. Und was die weibliche Sicht der Dinge betrifft: Da hat die Leserbriefschreiberin unreflektierte Denkgewohnheiten zelebriert, die schon beim ersten Hauch einer zartfühlenden Kritik zerstieben. 


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