Kritikon

Renaissance der Mimosen?

Leben wir in einer Epoche der Mimosen und Toten Hosen? Umgeben von Fragilen und Labilen. Ein kräftiges Wort, und schon fallen die Empörungs-Symphoniker und Entrüstungs-Hysteriker über die Liebhaber plastischer Vergleiche her; oder gleich reihenweise in Ohnmacht.

Wenn in Deutschland die Gegner von Frau Andrea Nahles «in die Fresse bekom-men» sollen, dann entbrennt dort erregt eine landestypische Fundamental-disputation. Darf man das denn? Man darf natürlich, muss aber nicht.

Denn Frau Nahles hätte das eleganter formulieren können. Auf die britische Art zum Beispiel. «To slap or not to slap, that is not the question.» Oder: «Liebe Freunde von der CDU/CSU, ein Rat: «Ab sofort immer Heftpflaster bei sich haben.»

Verroht die deutsche Politszene? Ludwig Greven, Redakteur bei ZEIT ONLINE, meint: «Die Demokratie in Deutschland leidet unter dem Gegenteil: Zu viel Konsens, zu wenig Opposition, zu enge Grenzen des politisch Erlaubten.»

Wer jetzt entrüstet solche Freiheiten beklagt, der blende mal zurück in den Bundestag der 80er-Jahre. Zu Herbert Wehners Vokabular zum Beispiel: «Strolch, Quatschkopf, Dreckschleuder, Schleimer, Hodentöter, Übelkrähe (zu MdB Wohlrabe) Strolch, einstudierter Pharisäer, Lümmel, waschen Sie sich erst einmal! Sie sehen ungewaschen aus.» Oder nehmen Sie Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt, Heiner Geissler und Joschka Fischer. Unbedingt wieder mal nachlesen.

Die neue Fraktionsvorsitzende der SPD ist somit in guter Gesellschaft. Dennoch: Mein Stil ist es nicht. Herrn Nationalrat Fricker zum Beleg würde ich eher als «generell etwas talentlos, im Besonderen in der Wortwahl» beschreiben, oder Frau Nahles als «direkt-verbale, robust-rabiate Persönlichkeit».

Mit den groben Wörtern ist es wie mit schlecht angezogenen oder ungezogenen Leuten. Man hört kurz hin und vergisst sie.


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