Kritikon

Napoleon oder CCCP? Wer soll das sein?

Napoleon I. oder III.? CCCP? Und wer soll das sein? Himmler? Keine Ahnung? Sind Geschichtskenntnisse nicht mehr gefragt? In den Lehrplänen und in den Köpfen scheint das zu stimmen. Diese kleine Glosse möchte nachfragen.

Marignano, eine Traubensorte? Verdun, eine Grasart? Fraubrunnen, eine Heilquelle und Overlord, eine Zigarettenmarke?

Soweit kommt’s noch, wenn das Geschichtsbewusstsein ferner Generationen auf das Niveau eines Maulwurfsheims sinkt; wenn Teenager unfähig sein werden, die Machtergreifung 1933 bis 1934 im Deutschen Reich mit Parallelen in der Türkei zu vergleichen und in CCCP einen Eishockeyclub vermuten. 

Die historische Gefahr besteht, denn 2004 studierten laut AZ noch 4300 Personen Geschichte. Heute sind es noch 2650. Im Kultur-Kanton sind 320 Lektionen Geschichte pro Jahr im neuen Lehrplan auf die Hälfte reduziert worden.

Man wird sich an den Kopf greifen dürfen, wenn Alexander als Schlagersänger, Karthago als Kakaosorte, die Langobarde als Handwaffe, Robespierre als Modeschöpfer, Bonaparte als Mitglied der 'Ndrangheta, Bismarck als Herings-Grosshändler und «The Third Reich» als Film Nr. 14 von «Star Trek» verstanden wird.

Oder fragen Sie mal einen Jungspund, wer Bethmann Hollweg war. Irgendwas mit Tell bei Küssnacht? Oder Himmler. Eine Delphinart?

Kommentare (2)

Ernst Bannwart am 22.05.2017 09:41

Nachdem ja der Lehrplan einen ähnlichen Prozess durchmacht wie die zentralen Einkaufsstrassen (Reduktion auf das Modische und Billige) - und die Lehrplanmacher sich wohl an den Erkenntniskalauer erinnern, wonach der Mensch aus der Geschichte lernt, dass er aus der Geschichte nichts lernt, war doch diese Reduktion fast schon der logische Schritt. Heute will doch jeder nicht mehr Geschichte lernen, sondern selber Geschichte machen - passt ja auch viel besser ins Selfie-Zeitalter...

Roy Tribaldos am 21.05.2017 12:32

Das ist Traurig! Warum diese Entwicklung? Wohlstandsgesellschaft oder zuviel Spass am Banalen? Sind die neuen Technologien (Zeitalter der Digitalisierung) daran schuld? Wird der Mensch (alt und jung) von so viel Reiz in dieser sich rasch verändernden Welt und die enorme Mobilität des Einzelnen abgelenkt? Wenn der Sinn für Geschichte - und somit für Wissen - verlorengeht, kann das Individuum sachgerecht einschätzen, wann politischer Handlungsbedarf gefragt ist? Wenn Hedonismus das Denken beherrscht, könnte diese Entwicklung dazu führen, dass der Unterschied zwischen Recht und Unrecht, zwischen Demokratie und Diktatur verwischt. Dann wäre die Bahn frei für noch exklusivere Eliten, welche je nach Machtnähe die Freiheit gefährden könnten. Die Vereinsamung des Digitalabhängigen, gepaart mit dem Desinteresse für Bildung, richtet sich diametral gegen die natürliche menschliche Vernetzung, gegen Menschlichkeit, gegen Solidarität und letztlich gegen Menschenliebe. Der Trend zur Konsum-Mentalität kann wahrscheinlich nicht gestoppt werden, es sei denn die Konsumgesellschaft gerät in eine Energiekrise, in die Klimakatastrophe, in den globalen Krieg...